Das Herz erinnert sich

 

 

Eilig fuhr Magdalena die kleine Straße am Firmengelände entlang und sah seine schlanke große Gestalt schon von weitem, mit lang gestreckten Schritten Richtung Parkplatz gehend. Sein kerzengrader Gang war auffallend würdevoll. Ihn umgab sowieso eine starke Ausstrahlung von Würde und Stolz. Dem Stolz großer Menschen, die sich ihrer Selbst sehr bewusst sind. Wenn ein kleiner Mensch so daherschreitet, hat es eher etwas Belustigendes an sich, dachte Magdalena, die klein war.

 

Er spürte sie offenbar, denn er drehte sich um, blieb kurz stehen, ging dann entschlossen auf den Straßenrand zu und hielt sie glücklich lächelnd an.

 

„Na, wohin denn so eilig?“

 

Seine leuchtenden Augen blickten direkt in ihr Herz, während sie ihm erzählte, dass sie einer Kollegin zum Geburtstag Blumen bringen wollte. Er bewunderte den schönen Blumenstrauß und reichte ihr durch die geöffnete Autoscheibe seine Hand.

In der Sekunde, in der Magdalena sie ergriff, verließ sie die Erde.

 

Auf welcher Wolke, auf welchem Planeten sie landete, wer weiß das schon. Alles an ihr bebte und es schien ihr, als wäre sie Jahre im Universum gewesen, doch es waren nur Millisekunden, aber nichts war mehr, wie es vorher gewesen war.

 

Er hatte sehr wohl gemerkt, dass etwas in ihr vorging, schien selber entrückt und fasziniert zugleich.

 

Dieser Tag war der wirkliche Beginn des Lebens mit ihrer Dualseele. Denn nun hatte sie keine Wahl mehr. Ihr Herz hatte ja gesagt! Ohne dass sie es jetzt schon wußte, hatte Magdalena in ihrem Herzen eine kleine kostbare Schatulle ins Regal gestellt, in der sie alles sammelte, was beide erlebten! Wohl, um sich immer wieder daran erinnern zu können, wie alles begann, wie jeder Tag, jede Sekunde mit ihm war.

Sie sollte zu dem kostbarsten Geschenk ihres Lebens werden, alle Erinnerungen für sie sammeln und lebendig erhalten. Wie wichtig das noch für sie werden würde, wer konnte das jetzt ahnen? An diesem Tag jedenfalls erschien ein Rubin in der kleinen Holzdose.

 

***

 

 

Diesen wunderbaren Rubin halte ich nun in meiner Hand, vierzig Jahre später! Ich sehe alles vor mir, jede Kleinigkeit. Ich fühle meine Knie weich werden, spüre mein Erstaunen, ihn zu erkennen. Fühle jetzt noch unmittelbar, wie mein Herz eine Tür öffnet, die sich nie mehr schließen wird. Jetzt, da ich die Jahre dazwischen kenne, wünsche ich auch nicht mehr, dass alles nur ein Traum gewesen sei.

Was ein wundervoller Rubin! Genauso schön, wie der leichte Bergkristall, der in die Schatulle kam, als er das erste Mal mein Büro betrat. Diesen besonderen Stein hatte ich in ein kleines seidenes Tuch eingeschlagen und ganz nach oben gelegt. Mit ihm begann jedes Mal die Reise in meine Vergangenheit.

Ja, so kamen also Bergkristall und Rubin ins Kistchen und ich stehe wieder mittendrin, in diesem Erleben. Nachdem mein Herz sich entschieden hatte, wehrte ich mich nicht mehr.